von links nach rechts: Rüdiger Theis (Winzig Stiftung), Dr. Nicole Strüber, Prof. Peter Zimmermann, Kathrin Hohmann

Seit 20 Jahren unterstützt die Winzig Stiftung in Wuppertal frühkindliche Bildung und den Aufbau der Bindung zwischen Eltern und Kindern. Das Jubiläum feierte Stifter Rüdiger Theis mit einem Festakt und spannenden Vorträgen in einem Hörsaal der Bergischen Universität. Gekommen waren rund 100 Wegbegleiter – Hebammen, Frauenärztinnen, Erzieherinnen, Lehrerinnen sowie Vertreterinnen der vielen Institutionen, mit denen die Winzig Stiftung zusammenarbeitet. „Die Winzig Stiftung leistet wahrlich Großes, mit einem radikalen Ansatz“, lobte Sozialdezernent Stefan Kühn in seinem Grußwort. „Sie lebt die Neugierde auf Menschen.“

Rüdiger Theis erzählte, wie er neben seinem Unternehmen für Netzwerktechnik 2002 die Winzig Stiftung gründete. „Damals war Expertise zu früher Kindheit kaum vorhanden“, erinnerte er sich. Als junger Vater wollte er kleine Forschungsprojekte dazu fördern. Dann las er in der WZ über das Begegnungszentrum Alte Feuerwache und finanzierte dort eine Familienhebamme, die sich intensiv um benachteiligte Mütter kümmern kann.

2009 kamen die Winzig-Dollar dazu, die bedürftige Eltern in Wichlinghausen bekommen. Damit können sie Geburtsvorbereitung, Eltern-Kind-Kurse, Babymassage oder Kinderturnen bezahlen. „Die Mütter gehen genau zu den Angeboten, die auch wir für pädagogisch sinnvoll halten“, freut sich Rüdiger Theis. Ab 2011 übernahm die Winzig Stiftung das Menuhin-Projekt „Kultur am Vormittag“ – dort entdecken Grundschüler über drei Jahre hinweg gemeinsam mit einem Künstler ihre Fähigkeiten. Beim Festakt erlebten die Gäste die Begeisterung, Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit der Kinder direkt: Zwei Schulklassen der Grundschule Schützenstraße traten gemeinsam mit Musiker Ralf Kunkel auf und trommelten gemeinsam und abwechselnd mitreißende Rhythmen.


Die Rolle der Hormone bei der Impulsregulierung

Neurobiologin Dr. Nicole Strüber erklärte, warum Stress im Kleinkindalter, aber auch schon vor der Geburt lebenslange negative Folgen verursachen kann. So gebe es ein Gehirnareal, das Handlungen in ihrem Kontext sieht, und das die automatischen Handlungsimpulse eines anderen Gehirnteils hemmen kann. „Das hilft uns, unsere Gefühle zu regulieren. Deshalb ist es wichtig, dass die Verbindung zwischen diesen beiden Hirnarealen stabil ist“, verdeutlichte die Wissenschaftlerin. Dafür sei ein Zusammenspiel der Stresshormone Cortisol und Noradrenalin mit dem Kuschelhormon Oxytocin nötig. Die Stresshormone erhöhen die Aufmerksamkeit, beeinträchtigen aber die Bildung von neuen Erinnerungen und führen langfristig zu Nervenschäden. Oxytocin hingegen könne die Stresshormone hemmen und sorge für Vertrauen, Empathie, verbessere Wahrnehmung und flexibles Denken. Deshalb seien Berührungen und Nähe so wichtig für Babys und Kinder. Denn häufig benutzte Verbindungen zwischen Gehirnteilen würden intensiver ausgebaut. Selbst im Mutterbauch bekommt ein Baby Stresshormone mit, wenn die Schwangere unter andauerndem, erheblichem Stress steht. Das führe dazu, dass solch ein Neugeborenes besonders reizbar und quengelig sei. Solche Einflüsse würden über Epigenetik als Markierungen auf der DNA gespeichert, erklärte Nicole Strüber. Sie verhindern später, dass dieser DNA-Teil gelesen wird. Dadurch werden solche Erfahrungen für immer im Körper abgespeichert und auch die Gefahr späterer psychischer Erkrankungen steige. Sichere Bindungserfahrungen, beruhigte sie jedoch, könnten solche Markierungen auch wieder aufheben. Hilfreich seien Gespräche, die den Kindern beim Verarbeiten von Gefühlen helfen. Je älter hingegen ein Mensch werde, desto schwieriger sei es, solche „Programmierungen“ zu ändern und wenig ausgebaute Verbindungen zu stärken.


„Gleichwürdigkeit“ des Kindes akzeptieren

Über den Umgang mit Konflikten zwischen Eltern und Kindern sprach zum Abschluss die Kindheitspädagogin Kathrin Hohmann. Anhand einer konkreten Situation auf dem Spielplatz schilderte sie einen Konflikt, der von verschiedenen Gefühlen befeuert wird: Das Kind hat Spaß und möchte weiter spielen, die Mutter ist erschöpft und friert und möchte nach Hause gehen. „Welche Gefühle werden dabei ausgelöst? Kampf, Ohnmacht, oder eine Reibung, die auch Wärme erzeugt?“, fragte sie. Und sie warnte, dass besonders unter Stress Menschen bei Konflikten schnell auf alte Handlungsmuster zurückgreifen – meist diejenigen, die sie selbst als Kind erlebt haben. In solchen Situationen komme es schnell zu Beschimpfungen, Drohungen oder Beschämungen. „Nicht die Frustration, nicht den Willen zu bekommen, richtet Schaden an, sondern die Verletzung“, betonte sie die langfristigen Folgen. Kinder bis etwa zehn Jahre würden Ärger auf sich selbst beziehen, nicht auf ihre Handlung. Es helfe, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen klar zu formulieren. „Das Kind möchte sein Gegenüber spüren“, betonte Kathrin Hohmann. Wichtig sei, die „Gleichwürdigkeit“ des Kindes zu akzeptieren, das den gleichen Respekt verdiene wie ein Erwachsener. Die Verantwortung und Führung müsse jedoch trotzdem der Erwachsene übernehmen. Entwicklungspsychologe und Moderator Prof. Peter Zimmermann rief dazu auf, eigene Grenzen zu erkennen und Situationen frühzeitig zu unterbrechen.

Anschließend diskutierten die Gäste im Foyer noch lange bei Sekt und Häppchen das Gehörte zu den Saxofon-Klängen von Marcin Langer.

Text: Textgut Tanja Heil (Freie Journalistin, Texterin)